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In unserer Seelsorge-Praxis haben wir oft mit Christen zu tun, denen großes Unrecht angetan wurde. Das Spektrum reicht von vernachlässigter Liebe über Mobbing bis hin zu verschiedenen Formen von Missbrauch. In vielen Fällen stehen diese Geschwister unter – oft auferlegtem – Leistungsdruck, „einfach zu vergeben“ und das auch in Fällen, wo sie öffentlich verleumdet oder anderweitig gebrandmarkt wurden und ein Widerruf ausblieb.
Es wurden viele Ratgeber zur Frage der Vergebung geschrieben, in denen auch Situationen wie die Steinigung des Stephanus und die Bitte um Vergebung seitens des Herrn am Kreuz ausgelegt wurden. In manchen Fällen wurden durch diese Auslegungen aber konkrete Anweisungen an uns „überstimmt“, deshalb möchten wir uns auf einen besonders deutlichen Abschnitt mit einer konkreten Aufforderung zur Vergebung beschränken.
Das biblische Prinzip des Vergebens
Wir möchten deshalb an das biblische Prinzip erinnern, wie es uns Matthäus 18 vorstellt:
„23 Deswegen ist das Reich der Himmel einem König gleich geworden, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte. 24 Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. 25 Da dieser aber nichts hatte, um zu bezahlen, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und so zu bezahlen. 26 Der Knecht nun fiel nieder, flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. 27 Der Herr jenes Knechtes aber, innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm das Darlehen. 28 Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldete. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas18 schuldig bist. 29 Sein Mitknecht nun fiel nieder, bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. 30 Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe. 31 Als nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war. 32 Dann rief ihn sein Herr herzu und spricht zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, da du mich ja batest; 33 hättest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmen sollen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Peinigern, bis er ihm die ganze Schuld bezahlt habe. 35 So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.“ (Matthäus 18:23-34)
In vielen Fällen wird die Aussage auf den letzten Vers reduziert in Form von „Vergib Deinem Nächsten, sonst wird Gott Dir auch nicht mehr vergeben!“ – was wir aber als falsch ansehen.
Beide Verlaufsformen zeigen folgende Schritte:
- Erkennen des Fehlverhaltens (Verse 26/29)
- Bekennen des Fehlverhaltens (Verse 26/29)
- Bemühen um Wiedergutmachung (Verse 26/29)
Die Aussage des Abschnitts ist also, dass ein Ausbleiben der Vergebung trotz erfolgtem Bekenntnis und dem Bemühen um Wiedergutmachung zu kritisieren ist. Der Knecht, der die Gnade der Vergebung trotz fehlender Möglichkeit der Wiedergutmachung empfangen hatte, hätte jedenfalls ebenso vergeben sollen. Es geht also um die Aufforderung, dem Nächsten nach Bekenntnis nicht die Vergebung zu verweigern (und das dann auch 70×7 Mal).
Fragen wir uns auch, was unsere Vergebung bei ausbleibendem Bekenntnis denn bringen soll – die Schuld kann ich ja nicht durch Vergebung von meinem Bruder nehmen. Durch Bekenntnis kann er sich Ent-Schuldigen, das kann ihm meine Vergebung nicht abnehmen, auch wenn das schön wäre.
Was ist Sündenbekenntnis?
Sündenbekenntnis ist ein Schuleingeständnis und fällt uns oft entsprechend schwer. Erinnern wir uns aber an den folgenden Rat aus dem Jakobus-Brief:
„16 Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel.“ (Jakobus 5:16)
Sündenbekenntnis bewirkt meist Heilung bei alle Beteiligten, deshalb ist es auch so wichtig. Als Verursacher entlaste ich mein Gewissen und stelle die ungestörte Beziehung wieder her, als Betroffener kann ich wirklich von Herzen vergeben und die evtl. gestörte Liebe und Beziehung zum Verursacher wiedergewinnen. Persönlich habe ich noch nicht erlebt, dass auf ein aufrichtiges Bekenntnis das Verweigern der Vergebung folgte; eher, dass eine so bereinigte Störung enger zusammenschweißte als es zuvor der Fall war.
Ein Hemmnis zur gottgemäßen Bereinigung sind jedoch unsere Ausflüchte. Wir sehen als Verursacher unsere Situation vor Gott nicht klar, deshalb trauen wir uns an Aussagen wie:
- „Es tut mir leid,
dasswenn ich Dich verletzt habe!“ - „
WeilFalls ich über das Ziel hinausgeschossen bin, bitte ich Dich um Entschuldigung!“ - „Entschuldige bitte, wenn
ich Dir Anstoß gegeben habeDu Anstoß genommen hast!“ - „Entschuldige bitte meine
RespektlosigkeitLautstärke!“
Es ist wirklich wichtig, dass wir Gott in die Situation einbeziehen und uns klar machen, dass wir gegen ein Schaf Seiner Herde, ein Glied Seines Leibes gehandelt haben. Nennen wir das Vergehen beim Namen und flüchten wir uns nicht in Ausflüchte, die eine Wiederherstellung verhindern.
In den oben genannten Beispielen ist auch keine Erkenntnis des Fehlverhaltens erkennbar. Wenn wir andere verletzen, aber nur sagen können „Falls ich Dich verletzt habe…“, sollten wir uns einer gründlichen und aufrichtigen Revision unterziehen – denn der Geist kennt unser Fehlverhalten en detail und möchte unser Gewissen wieder schärfen.
Vergeben und Vergessen!?
In meiner Jugendzeit wurde oft lapidar gesagt „Vergeben und Vergessen!“; ein guter Vorsatz, jedoch ohne Erfolgsaussicht. Es können immer Situationen auftreten, die uns „triggern“ und an vergebene Sünden erinnern. Wichtig ist in solchen Fällen, die erfolgte Vergebung mit einzubeziehen und mit einem dankbaren „Gut, dass wir das bereinigen konnten!“ ins Archiv zurückzuschieben.
Wir können uns nicht zum Vergessen zwingen; es ist zudem weit wichtiger, dass wir diese Erinnerung überwinden und keine BitterkeitUnter einer Verbitterung verstehen wir z.B. einen länger anhaltenden Groll (auf sich selbst und/oder andere Personen), der meist mit einer negativen Lebenshaltung/Weltanschauung einhergeht. Sie kann zu einer chronifizierten Form führen, die "Posttraumatische Verbitterungsstörung" (PTED) und wird mit ICD10 F43.8 klassifiziert. entstehen lassen.
Was, wenn ich nicht vergeben kann?
Bei Sündenbekenntnis
Wenn der Verursacher sein Fehlverhalten durch Sündenbekenntnis ausgeräumt hat, fehlt uns das Recht, nicht zu vergeben. Je nach Maß des Vergehens kann Vergeben sicher schwerfallen, dennoch ist es unsere christliche Pflicht. Erinnern wir uns an das Leid Christi (letztlich waren wir ja der Grund Seiner Schmerzen), dennoch vergibt Er uns von Herzen!
Ohne Sündenbekenntnis
Und wenn kein Bekenntnis erfolgte? Wie gesagt, teile ich die Sicht nicht, dass wir den Vorfall durch einseitiges Vergeben ohne erfolgtes Bekenntnis ganz aus der Welt schaffen können. Wie ist es nun dennoch möglich, die innere Ruhe wiederzufinden und auch ohne Bekenntnis Umgang mit den Verursacher haben zu können?
Zunächst ist es wichtig sich klarzumachen, dass wir dafür eine Lösung finden. In vielen Fällen reift die Erkenntnis des Fehlverhaltens bei dem Verursacher erst heran und es wäre schlimm, wenn während dieser Zeit BitterkeitUnter einer Verbitterung verstehen wir z.B. einen länger anhaltenden Groll (auf sich selbst und/oder andere Personen), der meist mit einer negativen Lebenshaltung/Weltanschauung einhergeht. Sie kann zu einer chronifizierten Form führen, die "Posttraumatische Verbitterungsstörung" (PTED) und wird mit ICD10 F43.8 klassifiziert. entsteht und wächst.
Betrachten wir einmal das Verhalten von Paulus im Zusammenhang mit dem Verhalten Alexanders, des Schmieds:
„14 Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses erwiesen; der Herr wird ihm vergelten nach seinen Werken. 15 Vor ihm hüte auch du dich, denn er hat unseren Worten sehr widerstanden.“ (2.Timtoheus 4:14-15)
Wir gehen fest davon aus, dass diesen Versen aufrichtiges Bemühen von Paulus vorausgegangen ist, Alexander den Schmied zur Vernunft zu bringen – schließlich hatte dieser ihren Worten widerstanden. Anscheinend war es ein bösartiger Mensch, der Paulus viel Böses erwies und das unkorrigierbar fortsetzte.
Es gibt Situationen, wo wir unser Bemühen um direkte Klärung aussetzen oder einstellen müssen, da sich weiteres Beschäftigen zu einer durchaus großen, seelischen Belastung entwickeln kann. Wir können von Paulus lernen, wie wir dennoch eine von unserer Seite aus bereinigte Beziehung erhalten können:
- Er übergab – wie Christus – alles dem, der recht richtet, ohne sein Recht einzuklagen oder zu drohen (1.Petrus 2:23)
- Er kam seiner Verantwortung nach, sein „Kind im Glauben“ (1.Timotheus 1:2) vor ihm zu warnen, da er ihren Worten widerstanden hatte.
Doch auch wenn wir das direkte Bemühen aussetzen oder einstellen müssen, sollten wir uns an Lukas 18 erinnern und intensiv und ergebnisoffen für Klärung beten:
„1 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten, 2 und sprach: Es war ein gewisser Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und sich vor keinem Menschen scheute. 3 Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher. 4 Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und mich vor keinem Menschen scheue, 5 will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht unaufhörlich kommt und mich quält. 6 Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt. 7 Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er in Bezug auf sie langsam?“ (Lukas 18:1-7)
Dein Fall wurde nicht von Gott übersehen und diese Not im Volk Gottes lässt Ihn auch nicht kalt – bete deshalb im Vertrauen auf Sein Eingreifen um Klärung!
Resümee
Vielen Glaubensgeschwistern konnte dieses Vorgehen schon eine Hilfe sein, diesen belastenden „Block“ aus ihrem Leben zu verbannen, indem sie ihn an Gott abgaben. In vielen Fällen konnte auf diese Weise auch eine liebevolle Beziehung zum Verursacher erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden und auf ein späteres Bekenntnis hinwirken.
Es sollte uns als Geschwister und Gemeinden nicht egal sein, ob unsere Beziehung zu unserem Nächsten belastet ist oder nicht. Beachten wir die Appelle an beide Seiten, an Verursacher wir Betroffene:
„16 Bekennt nun einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel.“ (Jakobus 5:16)
„21 Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? 22 Jesus spricht zu ihm: Nicht bis siebenmal, sage ich dir, sondern bis siebzig mal sieben.“ (Matthäus 18:21-22)
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